ZVV

Publiziert am: 21.7.2014
Eingereicht von: Dorothee Degen-Zimmermann
Kategorie: Geschichten rund ums Reisen

Flaschenpost treibt zuweilen auf vielen Wassern, bis sie doch noch ein Ziel erreicht. Die folgende Geschichte schrieb ich vor rund zehn Jahren, angeregt von einer Werbekampagne des ZVV. Hier findet sie endlich Land und - wer weiss - jemanden, der sie öffnet und liest.
Dorothee Degen-Zimmermann


11. November, 11 Uhr 11
„Das Potential ist bei weitem nicht ausgeschöpft, unsere Fahrgäste sind zu linientreu“, befanden die Strategen des Zürcher Verkehrsverbundes und beauftragten ein Werbebüro, der Kundschaft mit einer Kampagne die vielfältigen Möglichkeiten des Verkehrsnetzes schmackhaft zu machen.
Sie hätten es besser sein lassen.
Die stolze S7 am rechten Zürichseeufer war zutiefst beleidigt. „Ich bin auch ein Bus“, prangte es in unübersehbar grossen, weissen Buchstaben auf ihren blauen Wagen. „Ich bin auch ein Intercity“, hätte sie sich gefallen lassen. „Das wäre nichts als recht gewesen“, eiferte sie. „Immerhin verbinde ich die Städte Rapperswil, Zürich und Winterthur miteinander. Und überhaupt, unsereiner trug schon lange Doppelstock, als der Intercity immer noch eingeschossig daherdümpelte. Ausgerechnet ein Bus!“ Sie überlegte, ob ihr vielleicht einer aus der Sprayerszene, für die sie sonst gar nichts übrig hatte, ein „Air“ vor den Bus malen könnte. Sie hatte es nie ganz verwunden, dass sie den Flughafen buchstäblich links liegen lassen musste. Sie warf noch einmal einen verächtlichen Blick auf die Busse, die am Bahnhof Tiefenbrunnen warteten, und verschwand nicht ungern im Tunnel.
„Eingebildete Tante!“ schniefte der Küsnachter Bus, der laut Werbespruch „auch ein Tram“ war. Er hatte sich immer zugute gehalten, dass er in bestem Quartier verkehrte, während die S7 nach mehreren Tunneln die Büezerstadt Winterthur anpeilte. „Überhaupt, all diese Schienenfahrzeuge sind eingleisige Typen! Hängen immer an der Leine. Keine Spur von Flexibilität!“ Von der „Leine“ wiederum fühlte sich der Trolleybus betupft. „Dafür stinken wir nicht“, sagte er spitz, rümpfte die Nase und trollte sich Stadt einwärts.
Das Gezänk griff um sich. Alte Rivalitäten brachen auf. Die Solidarität zwischen den verschiedenen Verkehrsmitteln, in den Jahren seit der Konstituierung des Verkehrsverbundes mühsam aufgebaut, kam ins Wanken. Der Trolleybus hielt sich demonstrativ die Ohren zu, wenn ein Tram um die Kurve quietschte, das Tram schaltete das Signal um, damit der Bus warten musste, die Trams verstellten sich gegenseitig die Weichen, so dass einige Wagen auf die falsche Linie gerieten und zweimal kam es zu Kollisionen deswegen.
Einzig die Zürichseeschiffe pflügten sich gelassen durch die Fluten und mischten sich nicht in den Händel. Sie mussten aber mit ansehen, wie ihre Passagiere im Regen stehen blieben, weil ihnen Zug, Bus und Tram in seltener Einmütigkeit schadenfroh davonfuhren.
Bald griffen die Unruhen auf den privaten Verkehr über. Ein Velokurier kam in flottem Tempo auf der Busspur aufs Central zu gefahren. Die diensttuende Polizistin hielt ihn mit erhobenem Arm auf, aber er scherte sich nicht darum. Verärgert ob so viel Dreistigkeit schaute sie ihm nach und wollte ihn eben mit schriller Pfeife zur Ordnung mahnen, da las sie auf seinem Rucksack „Ich bin auch ein Bus“. Die Pfeife fiel ihr aus dem offenen Mund.
Eine Demo der Taxifahrer wurde angesagt und kam nur deshalb nicht zu Stande, weil sie sich nicht auf eine gemeinsame Forderung einigen konnten. Die einen verlangten, dass zehn Prozent der Fahrzeuge des öffentlichen Verkehrs mit „Ich bin auch ein Taxi“ beschriftet würden, während die andern diese Aufschrift als geschäftsschädigend betrachteten.
Die allgemeine Aggressivität nahm zu. Lastwagen benahmen sich selbstherrlich wie die alteingesessenen Postautos hinter dem Üetliberg, und manch ein BMW-Fahrer installierte Blaulicht und Signalhorn, um im Notfall – und wann ist nicht Notfall? – ungehindert auf der Busspur und den Tramschienen an den stehenden Kolonnen vorbei zu brausen.
„Auf der Strasse gilt heute das Faustrecht!“ titelte der Tages-Anzeiger. Die Chef der Verkehrsdienstes der Stadtpolizei und zuständige Stadträtin verlangten eine Aussprache mit den Verantwortlichen der Städtischen Verkehrsbetriebe sowie des Verkehrsverbundes, und ein neu gebildeter Krisenstab beschloss den vorzeitigen Abbruch der Kampagne. Zu spät, wie sich herausstellte. Denn noch am selben Tag kam es zu jenem fatalen Zwischenfall.
*
Einer hatte sich gefreut über den Einfall der ZVV-Werber. Der Elfer hatte vor Glück gezittert, als ihm der Schriftenmaler „Ich bin auch ein Schiff“ auf die Flanken schrieb. Der Elfer liebte den Zürichsee, und wenn er nicht ein Tram wäre, wäre er am liebsten ein Schiff geworden. Er hatte eine beschwerliche Route. In beiden Richtungen musste er eine beachtliche Höhendifferenz überwinden. Aber die Quaibrücke entschädigte ihn für alle Mühsal. Die Quaibrücke, obwohl beinahe am tiefsten Punkt gelegen, war der Höhepunkt seiner Route. Nichts liebte er so sehr wie den Moment, wenn er von der Bahnhofstrasse her in den Bürkliplatz einbog. Jedesmal sah der See anders aus, mal grau in grau, mal postkartenblau und mit weissen Segeln besetzt, mal vom Nebel ins Unendliche verwischt.
Und die Berge! Am Morgen, wenn er aus dem Depot rollte, galt sein erster Blick dem Himmel, und er schloss mit sich selbst eine Wette ab, ob er sie heute zu Gesicht bekommen würde. Er freute sich schon am Schaffhauserplatz, wenn sich ihre Umrisse wie ein Bollwerk gegen den föhngelben Himmel abhoben. „Glärnisch, ich komme!“ flüsterte er dann und fuhr lärmend die Schaffhauserstrasse hinunter. Besorgt beobachtete er im Sommer, wie der Schneefleck des Vrenelisgärtli kleiner wurde („So klein war es letztes Jahr nie!“). Gespannt wartete er im Herbst auf den Tag, an dem sich die Spitzen erstmals in Weiss präsentieren würden, meist nachdem sie sich längere Zeit in graue Wolkendecken gehüllt hatten.
An jenem elften November geschah es. In der Nacht war der Föhn zusammengebrochen, und ergiebiger Regen hatte eingesetzt. „Nichts mit Bergen“, dachte der Elfer. Er machte sich unverdrossen auf den Weg, er liebte den See bei allem Wetter. Er mochte ihn sogar ganz besonders bei Regen, wenn sich seine Scheiben beschlugen und seine Passagiere gelangweilt in einer Gratiszeitung blätterten oder am Handy herumdrückten. Dann, schien ihm, hatte er den See für sich allein. Bleigrau das Wasser und weit wie ein Meer, weisse Möwen auf den dunklen, triefenden Geländern der Schiffsstege wie eine Schwarzweissfoto.
Im Laufe des Morgens gab es eine Streckenblockierung am Bahnhofquai. Zwei Trams hatten sich wieder einmal gezankt, welches zuerst in die Haltestelle einfahren dürfe. Der Vierer hatte sich den Vortritt ertrotzt, und der Vierzehner darauf hin wütend an den Weichen herumgehebelt, so dass der Vierer stecken blieb. Es dauerte eine Weile, bis der Schaden behoben war, der Elfer blieb auf der Walchebrücke stehen, die späteren Tramzüge wurden umgeleitet. Es war kurz nach elf, als er endlich durch die Bahnhofstrasse rumpelte.
Es hatte aufgehört zu regnen. Ein lauer Wind, zu warm für die Jahreszeit, wirbelte die letzten Blätter von den Bäumen, zerrte an den Regenmänteln und drehte am Paradeplatz den Schirm einer älteren Dame nach oben. Schnell drückte sie das Gestänge herunter, schloss den Schirm gegen den Widerstand des Windes und schaute prüfend zum Himmel. An einigen Stellen hatten die Wolken aufgerissen.
Bei der Haltestelle Börsenstrasse fiel ein greller Sonnenstrahl durch ein Wolkenloch. Der See spiegelte das gleissende Licht. Wie ein Wunder schwebten die Alpen, frisch verschneit und noch halb in feuchte Schleier gehüllt, über dem blendenden See.
Um elf nach elf bog der Elfer in den Bürkliplatz ein. Jetzt oder nie! Mit einem Jauchzer sprang er aus den Schienen. „Ich bin auch ein Schiff!“, schrie er und fuhr geradeaus in den See. Eine Zeitlang
sah man noch das Dach, dann nur noch den Stromabnehmer
und schiesslich
gar nichts
mehr.

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