Maryse weint

Publiziert am: 24.6.2014
Eingereicht von: Sia Bronikowski
Kategorie: Geschichten rund ums Reisen

Aus: Sia Bronikowski, Einstieg in Fahrtrichtung, Begegnungen im Zug, Unionsverlag

Ich habe mir zwar schon gedacht, dass der Zug voll sein würde, aber so voll? Die Leute sind auch ziemlich brummig, manche haben eine Tasche auf den Nebenplatz gestellt, tun, als ob sie schlafen oder intensiv in einer Zeitschrift lesen. Ich entdecke zwei freie Plätze in einem Abteil. Eigentlich mag ich Großraumwagen lieber, aber bevor die auch noch weg sind, frage ich lieber. Im Abteil sitzen schon drei Leute, auf einem der Fensterplätze liegt eine Tasche, und ein Mantel hängt da auch noch.
»Ist hier noch etwas frei?«
Die Anwesenden schauen sich an und merken wohl, dass sie kaum ablehnen können. Ich habe einen Koffer und eine Tasche dabei, das macht auf die schon Eingerichteten wohl einen sehr ungemütlichen Eindruck. Letztlich erbarmt sich doch ein Mitreisender und hilft mir, die Gepäckstücke auf der Kofferablage so zu platzieren, dass mein Koffer auch noch reinpasst. Als ich dann endlich meine Tasche unter den Sitz geschoben habe und meine Jacke aufgehängt, mein Buch und meine Lesebrille aus der Handtasche gekramt setze ich mich auf den Gangplatz und beginne, meine Mitreisenden ein wenig zu mustern.
Die Tür geht auf, und eine dunkelhäutige, zarte, überaus aparte Person kommt herein, aha, sie gehört wohl auf den Fensterplatz. Gekonnt steigt die junge Frau über die Beine der Mitreisenden, sie hat ihr Handy in der Hand. Vermutlich hat sie auf dem Gang telefoniert. Ich beobachte, dass sich draußen auf dem Gang immer noch einige Passagiere mit Koffern durchschieben. Hoffentlich kommt jetzt keiner mehr rein, denke ich, ich habe meine Beine gerade so schön ausgestreckt, und nur noch der Sitz gegenüber ist frei. Im Abteil herrscht eine gewisse Gespanntheit, die nachlässt, sowie der Zug sich in Bewegung setzt.
Ich schaue in mein Buch und habe noch keine Zeile gelesen, als ich höre, dass jemand leise schluchzt. Das Weinen kommt vom Fensterplatz, von der jungen Frau. Sie drückt ihr Gesicht in ihren Mantel, der da vor dem Fenster hängt. Sie will sicher nicht, dass wir das mitbekommen. Die anderen schauen sich betroffen und gleichzeitig hilflos an. Was mag wohl der Grund sein? Heimweh, Liebeskummer, Krankheit, Tod, Verlust des Arbeitsplatzes? Ach, es kann alles sein, aber keiner wagt zu fragen. Ich überlege mir, welcher Grund so übermächtig ist, dass er einen in der Öffentlichkeit weinen lässt. Oder sind Afrikaner einfach emotionaler? Ich denke das und tadele mich sogleich dafür. Du bist ja mit genug Afrikanerinnen befreundet, um zu wissen, dass die aus dem Norden so viel mit jenen aus dem Süden gemein haben wie Leute aus Norwegen mit Sizilianern. Außerdem könnte sie ja auch Deutsche oder Amerikanerin sein.
Der Mann am Fensterplatz gegenüber zieht ein Päckchen Tempotaschentücher aus seiner Tasche und reicht es ihr.
»Merci.«
Aha, sie spricht Französisch. Sie entnimmt ein Taschentuch und schnäuzt sich die Nase, gibt das Päckchen zurück. »Merci.« Alle schweigen und bemühen sich, sie nicht direkt anzusehen, aber keiner ist mehr unbeteiligt, keiner liest weiter in seinem Buch oder in seiner Zeitschrift. Alle warten. Auf was? Eine Erklärung? Die Insassen des Abteils scheint nun etwas zu verbinden. Etwas, was aus Einzelpersonen eine kleine Gemeinschaft macht. Und die Gemeinschaft verlangt eine Erklärung. Zumal die junge Frau schon wieder anfängt zu weinen.
»Pardon«, sagt sie, steht auf, alle ziehen ihre Beine zurück, ein Reflex, damit sie diesmal berührungsfrei zur Tür kommt. Sie hat ihr Handy in der Hand. Ich schiebe die Türe für sie auf und schließe sie, als sie auf dem Gang ist. Sie ist nicht mehr zu sehen, und die Angespanntheit der Gruppe bricht auf.
»Was war dat denn?«, sagt der Mann, der ihr die Taschentücher gereicht hat.
»Das mit dem Taschentuch war aber nett von Ihnen«, sagt die ältere Frau neben ihm.
»Wenn man sonst nichts tun kann«, sagt der Mann. Ein blasses Mädchen, das zwischen mir und dem Platz der unglücklichen Frau sitzt, sagt: »Ich möchte bloß wissen …«
»Was wollen wir eigentlich wissen? Ist es ihre Geschichte, oder ist es unsere?«, wende ich ein.
»Schon ihre, meine ich, aber auch ein bisschen unsere, wir sind doch dabei«, sagt die ältere Frau.
»Wir sind doch nur Zuschauer«, sagt das Mädchen.
»Unfreiwillige«, ergänzt der Herr, »aber immerhin.«
Die Tür schiebt sich auf. Ein junger – übrigens auch dunkelhäutiger – Mann streckt seinen Kopf durch die Tür. »Verzeihen Sie«, sagt er in bestem Deutsch mit leicht französischem Akzent. »Haben Sie meine Freundin gesehen? Wir haben uns verpasst. Ich glaube, das war das Abteil, für das ich für sie eine Reservierung hatte. Wir fahren nach Paris, Maryse und ich.«
»Ja, natürlich haben wir sie gesehen …«
»Sie ist aus dem Abteil …«
»Sie sucht Sie …« »Vielleicht links den Gang runter …«
»Nein, rechts …« »Vielleicht Speisewagen …«, alle reden durcheinander.
»Kommen Sie, ich suche sie mit Ihnen«, sage ich, aber da ist sie schon.
Wir alle im Abteil sind berührt, als sie sich vor unserer Glasscheibe umarmen und die junge Frau ihr tränennasses Gesicht an seinem Mantel trocken reibt. Sie lacht. Und wir alle lachen mit.
Das blasse Mädchen neben mir erhebt sich und wechselt auf den Platz mir gegenüber. »Damit die zwei jetzt zusammensitzen «, sagt sie wichtig, und wir alle finden, dass sie das gut gemacht hat. Irgendwie ist das schließlich doch unsere Geschichte.

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